Sie befinden sich hier:

Annelinde Eggert-Schmid Noerr 16.03.2012



Annelinde Eggert-Schmid Noerr

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

wir sind heute hier zusammen gekommen, um den 90. Geburtstag und insgesamt das Lebenswerk von Prof. Dr. Aloys Leber zu feiern und ich möchte Sie zunächst im Namen des FAPP sehr herzlich begrüßen. Herr Leber, der sein Kommen ja in Aussicht gestellt hat, kann aus gesundheitlichen Gründen leider nicht hier sein. Ich habe vor 2 Tagen noch einmal mit ihm telefoniert, und er hat mich gebeten, Ihnen mitzuteilen, wie sehr er es bedauert, an dieser Veranstaltung nicht teilnehmen zu können. Anstelle einer Rede, die er hätte halten wollen, bat er mich, Ihnen einen Brief vorzulesen, den er nicht geschrieben, sondern erhalten hat. Es geht um einen Brief von Ursula Pforr, den sie einige Zeit nach seinem 80ten Geburtstag an ihn schrieb (Ursula Pforr ist seit vielen Jahren Mitglied des FAPP-Vorstands, sie war maßgeblich am Zustandekommen dieses Abends beteiligt).

„Lieber Herr Leber, Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen: Ich betreue geistig behinderte Menschen, einige von ihnen seit nunmehr über 20 Jahren. Nach etlichen Jahren der Betreuung und teilweise erstaunlichen Entwicklungsschritten fragten mich diese einmal, weshalb ich auf ihr stellenweise doch schwieriges Verhalten so anders reagierte als die anderen Mitarbeiter. Ich erzählte ihnen von meinem Studium in Frankfurt und dass ich das von Ihnen (also von Leber) gelernt hätte. Schon damals fragten sie mich, warum das nicht alle Mitarbeiter lernen müssten.

Als dann die Einladung zu Ihrem 80sten Geburtstag kam, waren meine Klienten und Klientinnen zunächst sauer, weil die Feier auf einen Freitag fiel, und wir Freitagabends normalerweise etwas gemeinsam unternehmen. Als sie aber hörten, dass es sich um Ihren Geburtstag handelte, gaben sie mir ausdrücklich frei und trugen mir auf, Sie zu grüßen, Ihnen zu gratulieren und Ihnen dafür zu danken, dass Sie mir so sinnvolle Sachen beigebracht hätten.“

Was hat sie anders gemacht als die anderen? Wodurch hat sie sich unterschieden? In der Praxis der Psychoanalytischen Pädagogik geht um eine besondere Art des Verstehens der Klienten und Klientinnen und eine daraus resultierende besondere Art der Verständigung. Dass diese Differenz spürbar war und von den Klientinnen auch entsprechend formuliert wurde, habe ihn – so Leber in unserem Telefongespräch - mehr gefreut als viele andere Ehrungen, und er hat derer in seinem Berufsleben eine stattliche Zahl erhalten. Es habe ihm verdeutlicht, dass er einen wichtigen Anstoß geben, „eine Linie ziehen“ konnte. Heute Abend allerdings müsse es auch darum gehen, anzuerkennen, was nach seiner Zeit getan und erreicht werden konnte.

Die Psychoanalyse lehrt uns, dass Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im subjektiven Erleben miteinander verschränkt sind und im Unbewussten sogar in einander aufgehen. Nur dadurch kommt es zu einem Gefühl der Kontinuität und der Identität. Das gilt für einzelne Menschen und ihre Lebensgeschichte ähnlich auch für Institutionen. In den nachfolgenden Vorträgen werden Sie Ausführlicheres über das Werk Aloys Lebers, über zentrale Begrifflichkeiten der Psychoanalytischen Pädagogik und über die Anfänge des FAPP hören. Ich möchte nur kurz umreißen, wo der FAPP, den Leber mit gegründet hat, heute steht und was er tut.

Der FAPP hat vor einigen Jahren einen Raum im Gebäude des SFI bezogen, in dem auch das Kinderanalytische Institut und das Jüdische Beratungszentrum untergebracht sind. Das SFI in der Myliusstraße, (viele von Ihnen werden es noch kennen), wird umgebaut und erhält ein neues Stockwerk. Deshalb sind jetzt alle psychoanalytischen Institute in die Universität gezogen und deshalb sind wir heute hier. Eine Veränderung im Außen geht oft einher mit einer Veränderung im Innen oder bewirkt diese sogar. Die Nähe zu den anderen analytischen Instituten hat dem FAPP gut getan, was aus umgekehrter Perspektive hoffentlich auch gesagt werden kann. Die Situation der Psychoanalyse ist heute eine andere als in den 70er und 80er Jahren, als sie mit ihrem Blick auf innere Welten und ihre Erkenntnisse über die Wirksamkeit unbewusster Prozesse im Erleben und Verhalten von Einzelnen, Gruppen und gesellschaftlichen Institutionen eine herausragende Stellung für die Sozialisationstheorie und Entwicklungspsychologie sowie für Therapie und Pädagogik hatte. Das ist heute so nicht mehr der Fall. Eine Reihe anderer Ansätze haben an Einfluss gewonnen. Gerade deshalb ist es wichtig, dass die analytische Fachgemeinschaft über die Grenzen ihrer jeweili- gen Arbeitsfelder hinweg im Austausch bleibt und dass der Dialog zwischen außerklinischer und klinischer Psychoanalyse sich intensiviert, zumal auch insgesamt das gesellschaftliche Interesse an pädagogischen Fragestellungen zunimmt.

Der inneranalytische Diskurs hat sich thematisch erheblich erweitert. Die Psychoanalyse war ja nie, nicht einmal in den Gedanken Freuds, ein einheitliches Gebilde. Sie setzte sich stets aus unterschiedlichen Sichtweisen zusammen (Triebtheorie, Ich-Psychologie, Kleinianische Analyse usw.), die sich ergänzten oder auch wechselseitig zu verdrängen suchten. In den letzten Jahren haben insbesondere die Erforschung intersubjektiver Prozesse, also etwa die Bindungstheorie, und Arbeiten über Triangulierungsprozesse für die Psychoanalytische Pädagogik einen hohen Stellenwert eingenommen. Darüber hinaus lieferte das Mentalisierungskonzept, das sich mit der Fähigkeit befasst, Affekte unterscheiden, verstehen und regulieren zu können, wichtige Orientierungen für das praktische Vorgehen.

Neben den theoretischen Zugängen haben sich auch die Zielgruppen der Psychoanalytischen Pädagogik ausgeweitet. Der FAPP hat in jüngster Zeit die Praxisfelder der Sozialen Arbeit und dabei insbesondere die Jugendhilfe neben die klassischen Bereiche gestellt. Die Anknüpfungen an Problemstellungen der Sozialen Arbeit, die sich dadurch eröffneten, sind vielfältig, sie haben sich auch in der Gestaltung der Vortragsreihen niedergeschlagen, die der FAPP seit 2006 unter dem Titel Verstehen und Verständigung“ bzw. „Emotion und Verständigung“ „Psychoanalytische Reflexion und ihre Bedeutung für die Soziale Arbeit und Pädagogik“ durchführt (Themen waren „emotionales Erleben“. „Gruppenprozesse“, Arbeit mit unterschiedlichen Lebensphasen, Fallverstehen“). Eine starke Betonung der pädagogischen Praxis zeigt sich auch in der Themenwahl der zweijährigen Tagungen, die sich mit Lernen, Beratung oder Elternarbeit befassten. Die jüngste Tagung widmete sich unter dem Titel „Außenseiter integrieren“ den Themen Inklusion und Integration.

Insgesamt sind die Anforderungen an die pädagogischen und sozialarbeiterischen Institutionen gewachsen Zentrale Beziehungserfahrungen werden von der Familie auf öffentliche Bereiche verlagert. Sie müssen die Herstellung stabiler und belastbarer psychischer Strukturen mit übernehmen – eine Aufgabe, die die traditionell strukturierten und ausgestatteten pädagogischen Institutionen wie Kindergarten und Schule in weiten Bereichen überfordert und die durch die gegenwärtigen Überlegungen zur Neustrukturierung dieser Einrichtungen nur begrenzt aufgefangen werden kann. Überfrachtung durch Ansprüche und Überlastung der Professionellen haben die Zunahme von Erschöpfung, Ausgebrannt-Sein und sog. burn-out, zur Folge. Wer diesen Anforderungen gewachsen will, braucht entlastende Orte, um sein professionelles Wissen und Können zu erweitern bzw. zu vertiefen.

Die Fortbildungsangebote des FAPP und insbesondere die dreijährige Weiterbildung zum Psychoanalytischen Pädagogen, die in regelmäßigem Turnus angeboten wird, sind solche Orte der Reflexion geblieben. Die Weiterbildung besteht nach wie vor auf der Verschränkung der drei klassischen Bereiche

  1. Erwerb theoretischen Wissens,
  2. Reflexion der eigenen pädagogischen Praxis in einer gemeinsamen Supervision und
  3. Aufarbeitung eigener Verstrickungsneigungen in der SE.


Eine neue Gruppe soll noch in diesem Jahr beginnen, hierzu werden noch Teilnehmer aufgenommen. Die Weiterbildung ermöglicht die fallbezogene Aneignung der drei Grundpfeiler Psychoanalytischen Pädagogik

  1. Pädagogik und Soziale Arbeit sind durch gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen strukturiert, die manifest und latent auf den pädagogischen Prozess einwirken.
  2. Die Grundlage jeder Veränderung, jeder Entwicklung, von Lernen im weitesten Sinne, ist die pädagogische Beziehung. Deren Gestaltung setzt ein Verstehen innerer Welten – der fremden und der eigenen – und der Beziehungsdynamiken voraus.
  3. Angemessene pädagogische Interventionen erwachsen aus der Reflexion und Gestaltung dieser Beziehungen und ihrer Rahmenbedingungen. Wenn diese besser gelingen, macht auch der pädagogische Alltag mehr Spaß.


Das sind die wesentlichen Veränderungen im FAPP. Heute ist wieder Freitag wie an A. Lebers 80tem Geburtstag. Die Klienten von Ursula Pforr haben ihr wieder freigegeben. Sie lassen ausrichten, es gelte alles noch, was sie damals gesagt hätten, sie wünschten ihm noch viele gesunde und freudvolle Jahre. Wir werden dies weitergeben, den Abend soll dokumentiert werden, Herr Leber bekommt die Vorträge, Fotos werden gemacht, ein kleines Buch wird ausgelegt, in das Sie sich eintragen können. Herr Leber erhält wieder Post, alles bleibt beim Alten, und doch ist vieles nicht mehr so, wie es war.



Weitere Beiträge zur Festtagsveranstaltung anläßlich des 90. Geburtstages von Prof. Dr. emer. Aloys Leber finden Sie unter

Programm zur Feier 90. Geburtstag

Die Frankfurter Schule der Psychoanalytischen Pädagogik

Szenisches Verstehen in der Schule

Aloys Leber zum 90. Geburtstag 

Impressionen der Festtags-Feier

Dankesbrief von Prof. Dr. Leber